Der Tag, an dem mein Leben fundamental verändert wurde

By Elisa von Versgeflüster - Freitag, Januar 26, 2018

Durch Zufall bin ich auf diese Aktion von Elizzy gestoßen, die sich sehr spannend anhört: Einmal im Monat veröffentlicht sie eine Auswahl von Schreibthemen. Jeder, der mitmachen möchte, schreibt etwas kreatives dazu: Ein Gedicht, eine Geschichte oder was immer einem gerade in den Sinn kommt. Da ich ziemlich gerne schreibe, aber mir oft eine gute Inspiration oder Idee fehlt, freue ich mich total, diese Aktion gefunden zu haben und hoffe, so regelmäßig wie möglich etwas auf die Beine zu stellen. Viel Spaß mit meiner ersten Kurzgeschichte.

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Der Tag, an dem mein Leben fundamental verändert wurde, war ein Mittwoch. Ich weiß nicht mehr, ob die Sonne geschienen hat oder ob schwere Wolken die Welt unter sich grau gefärbt haben. Ich weiß nicht mehr, wie ich geschlafen oder was ich gefrühstückt habe, oder ob es bis zu dem Moment ein guter Tag war. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich die Ereignisse noch richtig im Kopf habe, oder ob mein ziemlich romantisch veranlagtes Gehirn im Nachhinein einige Passagen erfunden hat. Was ich noch weiß, ist folgendes:


Ich wartete an der Haltestelle auf meinen Bus, der mich nach einem langen Schultag nach Hause bringen sollte. Den früheren Bus hatte ich verpasst, Kopfhörer hatte ich auch nicht dabei, also blieb mir nichts anderes übrig, als eine halbe Stunde lang umständlich auf meinem Handy im Stehen in meinem Buch zu schmökern. Welches Buch ich an dem Tag gelesen habe, weiß ich leider nicht mehr. Zum Glück scheint die Zeit wenn ich lese immer wie im Flug zu vergehen, und so ging ich gefühlte fünf Minuten später bereits im Gedränge der Schüler unter, die alle als erste im Bus sein wollten. Eine Massenpanik auf einem Konzert von Justin Bieber ist da bestimmt nicht schlimmer. Weil ich mich ungern so grob und kindisch verhalten wollte wie alle anderen, hielt ich mich im Hintergrund und schaffte es schließlich als eine der letzten in den Bus. Ich weiß nicht, ob ihr schon einmal versucht habt, stehend in einem fahrenden und überfüllten Bus zu lesen. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Ich machte drei Kreuzzeichen, als der Bus  endlich an der Haltestelle hielt. Mittlerweile war ich ziemlich hungrig und heilfroh, endlich nach Hause und mich mit etwas leckerem zu Essen vor meinen Laptop verziehen zu können. Wie ahnungslos ich in dem Moment noch war...
Der Weg nach Hause war nicht weit, also stapfte ich los. Ich musste nur über den Schulhof der Realschule, dann rechts abbiegen, die Straße hinunter und schon war ich da. Eine Sache von drei Minuten. Ich wusste da ja noch nicht, dass ich an diesem Tag länger brauchen würde.
Während ich so vor mich hinstapfte, mit meinen weinroten Doc Martens, den schwarzen Mantel bis oben zugeknöpft - Wir hatten schließlich Januar - hörte ich auf einmal schnelle Schritte hinter mir. Jemand rannte. Gerne hätte ich mich umgedreht und herausgefunden, wer es da so eilig hatte, aber ich wollte nicht neugierig wirken oder so, als ob mich dieser Mensch hinter mir irgendwie interessieren würde. Vielleicht hat dir ja im Vorbeigehen schonmal jemand "Hallo" gesagt und du hast mit "Hey" geantwortet, einen Moment bevor dir klar geworden ist, dass eigenlich die Person hinter dir gemeint war. Um dieses äußerst blöde Gefühl zu vermeiden, lief ich also einfach weiter und starrte stur geradeaus, bis die Person schließlich neben mir zum Stehen kam. Erst da wagte ich einen Blick zur Seite.
Neben mir lief ein Typ mit einem grauen Mantel und dunklen Locken. Ich kannte ihn flüchtig - Er hatte mir vor ein paar Wochen einmal ein Kompliment bezüglich meines Mantels gemacht, aber da ich leider keine Ahnung habe, wie man Smalltalk betreibt, war das beginnende Gespräch sofort wieder eingeschlafen und ich hatte mich mit hochrotem Kopf aus dem Staub gemacht. Peinlich...
Außerdem war er mir schon vorher öfter mal im Bus aufgefallen. Ich hatte ihn immer zusammen mit diesem Mädchen gesehen, wahrscheinlich war das seine Freundin, und er hatte immer gut gelaunt mit irgendwelchen Leuten gequatscht. Ich bewundere Menschen mit so einem Talent, die einfach drauf los reden können und scheinbar immer neue Themen finden. Leider war ich mit dieser Gabe nicht zur Welt gekommen.
"Hi, ich, uhm...", stammelte er, wohl ein wenig verunsichert und ich fragte mich, was er überhaupt von mir wollte, "Ich finde dich irgendwie süß und wollte fragen, ob ich deine Nummer haben darf."
Bitte, was? Sollte das ein Scherz sein? Verdammt, wie verhielt man sich in so einer Situation?!
"Uhm... Wie heißt du überhaupt?", fragte ich also, cool und kreativ wie ich war.
"Ach ja, sorry, ich heiße Alexander, und du?"
"Elisa." Langsam aber sicher begann die Panik sich zu melden. Was sollte ich sagen? Was, wenn ich mich verhaspelte? Oder mir ein Wort nicht mehr einfiel? Oh Gott, warum war ich nur so?
"Schön. Und, bekomme ich deine Nummer?"
"Uhm..."
Hier wäre der Moment, wo jeder normale Mensch innehalten und erkennen sollte, dass man seine Handynummer nicht einfach an wildfremde Typen weitergibt, die einem hinterherrennen und einen süß finden.
"Klar.", sagte ich also und er hielt mir sein Handy hin.

Im Nachhinein habe ich erfahren, dass er sich im Bus ein paar Sätze zusammengelegt hatte, die er mir eigentlich hatte sagen wollen. Als es dann aber ernst wurde, war er so nervös geworden, dass er alles wieder vergessen hatte.
Im Nachhinein ist mir klargeworden, wie fundamental anders mein Leben jetzt wäre, wenn ich einen anderen Bus genommen hätte, wenn ich eine Haltestelle eher ausgestiegen wäre oder wenn ich nein gesagt hätte.
Im Nachhinein frage ich mich manchmal, wie er wohl reagiert hätte, wenn ich einfach mit seinem Handy weggelaufen wäre. Seinen Gesichtsausdruck hätte ich nur zu gerne gesehen.
Dieser Moment, in dem mir dieser verrückte Typ aus dem Bus hinterhergerannt ist und meine Nummer haben wollte, hat mein Leben komplett auf den Kopf gestellt.

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Kommentare:

  1. Hallo!
    Welch wunder - wunder -wundervolle Geschichte, die mir doch glatt ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat! Solche Momente sind unbezahlbar <3 Ich freue mich schon auf mehr Beiträge von dir!

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  2. Ach - die Geschichte ist wirklich rührend - da muss ich sogar bisschen schlucken. So süss. Das Kennenlernen meines Mannes hätte auch geschrieben werden können. Da denke ich auch gerne zurück. Danke für die schöne Geschichte.
    Liebe Grüsse. https://geschichtszauberei.wordpress.com

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    1. Huhu,

      jetzt hast du mich neugierig gemacht. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit ja nochmal :D

      Alles Liebe,
      Elisa

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  3. Ach, ist das schön, dieses Kennenlernen, wirklich großartig.
    Ich hab deine Kurzgeschichte gern gelesen.
    Grüße, Daniela

    https://buchvogel.blogspot.de/2018/01/writingfriday-ueberrede-einen-veganer-eine-currywurst-zu-essen.html?m=0

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  4. Wunderschöne Geschichte, mir ist tatsächlich auch mal sowas passiert, Dinge gibt's...

    liebe Grüße Alexander

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    1. Hey,

      na das ist wirklich ein lustiger Zufall! Ist denn was daraus geworden?

      Alles Liebe,
      Elisa

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    2. Ja ist es toll oder?
      Ich hoffe bei dir auf lange Sicht auch

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  5. Hallo :)
    Eine sehr schöne Geschichte, die förmlich nach einer Fortsetzung schreit. Lässt sich da vielleicht was machen? ;) Denn ich wüsste nur zu gerne, wissen, wie es weitergeht :)

    Alles Liebe,
    Smarty

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    1. Huhu,

      wir sind jetzt seit einem Jahr ein Paar :D
      Vielleicht schreibe ich ja mal von dem Tag, als wir zusammen gekommen sind.

      Alles Liebe!

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  6. Wow. Ich hab mich beim Lesen gerade total gefreut, dass es, wie ich aus Deinen Andeutungen geschlussfolgert hatte, nicht doch ein Unfall oder ein Überfall war sondern so etwas schönes! <3
    Nebu (https://nebumonsterchen.wordpress.com/)

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