Achille

By Elisa von Versgeflüster - Freitag, Februar 02, 2018


Hallo ihr lieben Bücherfreunde!

Heute machen ich wieder bei den Aktion #WritingFriday mit, die Elizzy ins Leben gerufen hat. Da schreiben wir einmal in der Woche zu einem bestimmten Thema eine Kurzgeschichte, ein Gedicht oder worauf immer wir gerade Lust haben. Viel Spaß mit meiner Geschichte!


***


Achille stand in der Ecke. Er stand dort ein wenig nach hinten gelehnt, aber aufrecht und gerade und starr. Es war kalt, dort, wo er stand, und er konnte fühlen, wie sich die Spinne neben ihm abseilte, ganz nah an seinem Hals vorbei, bis sie schließlich auf ihm landete und langsam hinunterkrabbelte. Es kitzelte, und Achille hätte sich geschüttelt, um das Biest loszuwerden, wenn er sich den hätte bewegen können. Doch diese Fähigkeit fehlte ihm, leider. So musste er stumm und starr ausharren, bis die Spinne sich endlich auf den Boden herabgeseilt hatte. Es war eine von diesen dicken schwarzen, handtellergroß und mit Haaren an den langen Beinen. Oh, wie er diese Fiecher hasste! Kleine, krabbelnde Teufel waren das, einfach wiederlich!
Achille war ziemlich verstimmt, was nicht verwunderlich war, schließlich stand er jetzt schon eine ganze Weile auf dem Dachboden herum und wartete darauf, dass etwas passierte. Er wartete darauf,  dass ihn endlich jemand aus seinem trostlosen Dasein befreite, ihn hochhob und die steile Treppe hinabtrug und ihn zum Singen brachte. Er wartete seit Wochen - oder waren es Jahre? Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. 
Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie das letzte Mal auf ihm gespielt wurde. Clara, so hieß die junge Frau, dem er gehörte, hatte an dem Tag ein schwarzes Kleid getragen, eng anliegend, figurbetont, dazu silberne Ohrringe und eine tropfenförmige Kette um den Hals. Sie hatte hinreißend ausgesehen, und Achille hatte ebenso hinreißend ausgesehen, als sie auf ihm gespielt hatte. 
"Cello", hatte Claras Mutter immer gesagt, "Cello ist der Sopran unter den Streichinstrumenten." Was sie damit gemeint hatte, verstand Achille bis heute nicht, er konnte nämlich nur Töne in der Bass-, Tenor- und Altlage erzeugen. Er wusste genau, dass Clara es auch nie verstanden hatte. Ach, Clara. Seine Clara. Sie waren so ein eingespieltes Team gewesen, es war so harmonisch zwischen ihnen gewesen. Und jetzt?
Jetzt stand er hier oben, auf ihrem Dachboden, und er wusste nicht einmal, ob sie überhaupt noch hier wohnte. Vielleicht war sie ja schon längst umgezogen, ins Ausland geflohen und hatte ihn hier oben vergessen. Ach, seine Clara...
Das letzte Mal, als er sie gesehen hatte, hatten sie ein Konzert zusammen gegeben. Sie hatten den wunderschönen alten Saal mit den lieblichsten aller Melodien erfüllt, waren Achterbahn durch Tonhöhen und -tiefen gefahren und hatten die Zuschauer zum Lachen, Weinen und Staunen gebracht. Und als sie fertig gewesen waren, da war tosender Applaus über ihnen zusammengeschlagen und da waren sie es gewesen, die gelacht und geweint hatten. Clara hatte Achille so vorsichtig und sanft in seinen Koffer gelegt, wie noch nie zuvor. Er spürte jetzt noch den Nachhall ihrer weichen Hände, die liebkosend über seinen Hals strichen. Ach, seine Clara...
Zurück in ihrem Zimmer hatte Clara ihn dann in seinen Ständer gestellt und da hatte Achille bemerkt, dass Clara nicht allein war. Ein junger Mann hatte lasziv lächelnd an der geschlossenen Zimmertür gelehnt. Achille hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Stumm hatte er beobachtet, wie Clara ihn an der Hand genommen und auf ihr Bett gezogen hatte. Und dann, und dann... 
Achilles Seiten zitterten vor Wut. 
Dann hatten sie sich geküsst und dieser unerhörte junge Mann hatte den Reisverschluss ihres Kleides geöffnet und Achille wollte weinen und schreien zugleich, doch er konnte nichts tun, er konnte schließlich nicht sprechen, sich nicht bewegen, nicht einmal die Augen schließen um den Anblick nicht ertragen zu müssen konnte er! Dabei war sie doch seine Clara! Wie konnte sie ihm nur so etwas antun! Sie sollte ihn lieben, und nicht diesen - diesen Lüstling! Seine Clara...
Achille horchte auf. Hatte er da gerade ein Geräusch gehört? Ja, tatsächlich, die alten Stufen der steilen Treppe knarrten leise und da wusste er es: Seine Clara war gekommen, um ihn zu holen! So gerne hätte er ihr gesagt, was er für sie empfand, so gerne hätte er ihr sein ganzes hölzernes Herz ausgeschüttet. Doch für sie war er stumm,  ein lebloser Gegenstand, und er konnte ihre Sprache nicht sprechen. 
Die Person, die den Dachboden betreten hatte, war nicht Clara. Es war ein Mann in einem weißen Kittel. Es war nicht Clara, Clara war nicht gekommen. Seine Clara... 
Und der fremde Mann umfasste Achilles Hals und hob ihn hoch. Achille wollte nicht von ihm angefasst werden, er wollte Clara, doch wie sollte er sich schon wehren?
"Wir haben die Mordwaffe.", sagte der fremde Mann in dem weißen Kittel und Achille wurde eiskalt.

***


Ich hoffe, euch hat meine kurze Geschichte zu dem vernachlässigten Cello gefallen, das Schreiben hat mir super viel Spaß gemacht. 
Jetzt wünsche ich euch noch einen schönen Freitag und ein tolles Wochenende!

Eure Elisa

Kommentare:

  1. Grandios:-) Hast da was ganz Tolles draus gemacht:-) Chapeau

    AntwortenLöschen
  2. Oh - überraschende Wendung - gefällt mir. :-)

    AntwortenLöschen
  3. Uih, ein sehr unerwarteter Schluß, krass!

    AntwortenLöschen

Ich freue mich immer über Anmerkungen, Kritik oder ein paar liebe Worte!