Wer, ich? Niemals!

By Elisa von Versgeflüster - Freitag, März 02, 2018

Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte. Eigentlich konnte man es ihr an der Nasenspitze ansehen. Sie war so offensichtlich nervös, fummelte dauernd an ihrem kurzen Rock herum, oder an den Ärmeln ihres viel zu großen Strickpullovers. Da war ein sanfter roter Schleier, der sich über ihr Gesicht gelegt hatte, so, als wäre sie in Eile. Doch man hätte es besser wissen können, man hätte diesen Hauch von Röte in ihrem Gesicht auch als Scham deuten können, und dann wäre man darauf gekommen, dass sie log. 

"Du hast es getan!" 
"Was, ich? Niemals!" Eine leichte Panik stieg iin Maja hoch, die ihre Glieder lähmte und ihr Herz schneller schlagen ließ, sodass ihr Puls in die Höhe schoss und Adrenalin durch ihre Blutbahnen schoss.
"Und du bist dir da ganz sicher?", fragte die Frau in dem weißen Hosenanzug, ihr stechender Blick schien Maja zu durchboren, durch ihr Fleisch zu schneiden in der Hoffnung, dass sie Wahrheit dort irgendwo verborgen lag. Das Mädchen blieb ganz ruhig. Eine widerspenstige Haarsträhne war ihr ins Gesicht gefallen und leuchtete feuerrot im Licht der untergenden Sonne, dass durch das kleine Fenster in das Zimmer viel. Blumen aus Eis klebten daran, zogen sich frostig über die Fensterscheibe. Es war kalt in dem Zimmer, Maja konnte ihren Atem sehen, der sich in kleinen Wölkchen einen Weg aus ihrem Mund hinaus in die Freiheit bahnte. 

"Ganz sicher." Ihre Stimme zitterte nicht, als sie das sagte, was an ein kleines Wunder grenzte, denn innerlich fühlte sie sich so schwach, so unendlich klein. Trotzdem hielt den den Kopf aufrecht und blickte der Frau in dem weißen Hosenanzug fest ins Gesicht. Dabei prägte sie sich jede Einzelheit  der ungewöhnlich schönen Frau ein: Die stechend grünen Augen mit den goldenen Sprenkeln um die Pupille, die unnatürlich makellose Haut, auf der nicht eine Pore zu sehen war, der dünne, blasse Mund, der zu einer schmalen Linie zusammengepresst war. Schließlich blieb ihr Blick an dem roten Mal hängen, dass sich von ihrer rechten Schläfe über eines ihrer stechenden Augen bis zur Mitte der Wange reichte. Ein bisschen sah es aus wie der Umriss von Irland, fand Maja. Als hätte jemand die Insel von der Landkarte genommen und auf dem Gesicht der Frau platziert. 

"Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir glauben soll, Kind." Sie lächelte auf einmal wohlwollend auf Maja herab. "Du weißt nicht zufällig, wer dann? Weißt du, wer es getan hat?" 
Die Gedanken in ihrem Kopf rasten, als Maja stumm den Kopf schüttelte. Was hätte sie denn auch sagen sollen? Den Namen eines anderen nennen, damit sie selbst fein raus war? Nein, das konnte sie nicht. 
"Bist du dir da auch ganz sicher?"
Da wusste Maja plötzlich, dass es keinen Zweck hatte. Sie musste etwas sagen, denn die seltsame Frau würde sie sonst niemals in Ruhe lassen. Sie würde sie nur weiterhin mit diesem bohrenden Blick mustern, Stunden, Tage, ganz egal, so lange es nötig war, bis Maja einknickte und ihre Sünden gestand. Sie musste die Wahrheit sagen. Ihre Schultern sackten nach unten, als hätte jemand die Fäden einer Marionette durchtrennt. 
"Ich habe es getan.", sagte sie leise. 
Der Blick der Frau wurde eisig. "Wie bitte? Ich habe dich nicht verstanden."
"Ich war es.", stieß Maja hervor, und die Wände schienen das Echo ihrer Worte zurückzuwerfen. "Ich hab den Keks aus der Dose geklaut."

***


Ich konnte einfach nicht wiederstehen! :D
   
Vielleicht hat euch meine kleine Interpretation des Satzanfanges "Natürlich hätte man längst wissen können, dass Maja nicht die Wahrheit sagte." gefallen. Die Aktion, zu der diese Geschichte gehört, heißst #WritingFriday und wird von Elizzy organisiert. Schaut doch mal bei ihr vorbei, dort sind noch andere tolle Kurzgeschichten verlinkt. 

Jetzt wünsche ich euch noch einen tollen Freitag, ein entspanntes Wochenende und viel Freude mit eurer derzeitigen Lektüre.

Eure Elisa

Kommentare:

  1. Soo toll wie du nur mit diesem Satz eine ganze Geschichte zusammen geschrieben hast :D besonders das Ende mochte ich sehr ;)

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  2. Liebe Elisa,
    mir hat deine Geschichte sehr gefallen. Bis zum Schluss war mir auch nicht klar, dass Maja in deiner Geschichte noch ein Kind ist!
    Ich habe meinen Text für dieses Thema auch schon fertig geschrieben, aber er kommt erst nächste oder übernächste Woche online :)
    Liebe Grüße
    Janika von Zeilenwanderer

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  3. Die ist ja toll geworden. Vor der Frau hätte ich aber auch ganz schön Angst gehabt - sie wirkt geschrieben schon sehr autoritär.Sehr schön
    Ich habe die Postkarte gewählt hier mein Beitrag. LG

    https://wp.me/p8qB43-6KK

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  4. Liebe Elisa

    Jetzt musste ich lachen. Der Kekse-Thriller!!! Wer hat sie zerkrümelt? Wer hat sie eiskalt geschluckt? Die geheimnisvolle Keksjägerin!

    Liebe Grüße,Gisela

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  5. Hallo Elisa,
    ich finde es total genial. Was für eine Spannung und was für eine Auflösung! Made my day
    Grüße
    Daniela

    https://buchvogel.blogspot.de/2018/03/writingfriday-postkarte-buchmesse-2073.html

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